C01

Liebe Hörerin, lieber Hörer!
Wer ist deine persönliche Heldin, dein persönlicher Held?
Was stellst du dir darunter vor?
Ist es jemand, der etwas Besonderes getan oder bewirkt hat?
Ist es jemand, die großen Mut gezeigt hat?
Ist es jemand, der sich für einen anderen Menschen geopfert hat?
Wie klug oder stark muss ein Mensch sein,
um für dich heldenhaft zu werden?
Oder kommt es darauf an, wie berühmt dieser Mensch ist?
Müssen erst Kriege passieren,
damit Heldinnen und Helden geboren werden?

R02

Es gibt wohl wenig,
das mehr Kontroversen auslöst als der Heldenbegriff.
In den letzten Jahren hat die Verehrung der gefallenen Soldaten
des ersten und zweiten Weltkriegs sehr abgenommen.
Die Verehrerinnen und Verehrer scheinen auszusterben,
die Kritikerinnen und Kritiker sind immer lauter geworden.

Zeit für Helden!?
So ist die heutige Predigt überschrieben.
Lass uns nach wahren Heldinnen und Helden suchen.

Wir beginnen mit unserer Suche im Predigttext.
Die Jünger Jakobus und Johannes
suchen die Nähe ihres Herrn Jesus Christus.
Die Ansprüche dafür sind ziemlich hoch.
Wir hören aus dem 10. Kapitel des Markusevangeliums:

C03

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus,
gingen zu Jesus und sprachen zu ihm:
Meister, wir wollen, dass du für uns tust,
was wir dich bitten werden.

R04

Er sprach zu ihnen:
Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

C05

Sie sprachen zu ihm:
Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten
und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

R06

Jesus aber sprach zu ihnen:
Ihr wisst nicht, was ihr bittet.
Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke,
oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

C07

Sie sprachen zu ihm:
Ja, das können wir. 

R08

Jesus aber sprach zu ihnen:
Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke,
und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken,
das zu geben steht mir nicht zu,
sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

C09

Und als das die Zehn hörten,
wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.

R10

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen:
Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder,
und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
Aber so ist es unter euch nicht;
sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene
und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

C11

Liebe Hörerin, lieber Hörer.

Was für Helden, dieser Jakobus und Johannes.
Das ist eine merkwürdige Tour, die die beiden da durchziehen.
Still und heimlich wanzen sie sich an Jesus heran,
versuchen an den anderen zehn Jüngern vorbei
ihre Plätze neben Jesus zu sichern.

Sie benehmen sich wie die Leute,
die auf dem Kreuzfahrtschiff oder am Strand
schon mal ein Handtuch auf die Liege legen:
Das da, ist mein Platz.

Jesus scheint sofort zu spüren,
dass da mehr hintersteckt.

Denn es ist keine leichtfertige Bitte,
den linken oder rechten Platz neben Jesus einzunehmen.

Das erinnert an die alten Königshäuser,
in der Mitte der König, an der Seite daneben
die engsten Berater und Minister.
Wer an der Stelle saß, war Nummer 2 oder 3 im Staat.

R12

Jesus macht den beiden Jüngern klar,
dass das kein einfacher Job ist.

Jesus verteilt keine Geschenke,
sondern er fordert Heldentaten ein.

Neben Jesus zu sitzen, bedeutet,
den gleichen Leidensweg einzuschlagen wie er.

Die gleiche Taufe zu empfangen.
Das bedeutet, sein altes Leben
komplett aufzugeben und hinter sich zu lassen.

Denselben Kelch zu trinken.
Also alle Anfechtung, Verfolgung und den Tod
auf sich zu nehmen, wie Jesus es getan hat.

Jakobus und Johannes schrecken nicht zurück.
Sie sagen nicht:
“Ohweia, das überlegen wir uns nochmal.”
Da gibt es keinen Zweifel, kein Rückzieher.

Sie antworten auf die Frage,
ob sie diesen Weg mitgehen können:
“Ja, das können wir!”

Das ist ziemlich unglaublich.
Und wenn es wirklich aufrichtig gemeint ist,
eine starke und heldenhafte Gesinnung.
Kann man noch sicherer seine Nachfolge beweisen?

C13

Heldinnen und Helden kennen wir heute
meistens aus dem Fernsehen oder Kino.

Jedes Jahr erscheinen neue Blockbuster-Filme,
die immer wieder neue Variationen von Comichelden verfilmen.

Superman. Batman. Marvel’s The Avengers.
Guardians of the Galaxy. Iron Man.
X-Men. Captain America.
Und so weiter und so fort.

Hollywood wird nicht müde darin,
den jeweiligen Heldenepos bis aufs kleinste Detail auszuschlachten.

Problematisch wird die Heldenerzählung,
wenn die Protagonisten gelackt und fehlerlos daher kommen.

Irgendein Genexperiment geht schief.
Der Held mutiert mit Superkräften.
Gesundheitliche Nebenwirkungen
dienen höchstens dem Spannungsbogen.

Oder ein reicher Milliardär beginnt die Verbrecherjagd.
Scheinbar selbstlos widmet er
seine kostbare Zeit und Ressourcen diesem hehren Ziel.
Wir dürfen das technisch hoch aufgerüstete Spektakel
an der Leinwand bewundern.

Was diesen Helden fehlt:
Substanz und Tiefgang.

Helden, die alles perfekt machen,
verlieren meistens die Menschen aus dem Blick,
die eben nicht perfekt sind.

Wie oft endet der Heldenfilm dann
mit einer heroischen Schlacht von Gut gegen Böse.
Massen von Kontrahenten strömen auf den oder die Helden ein.
Mit Computertechnik animiert rauschen die Gesichter
auf dem Schirm vorbei,
es ist kaum auszumachen, dass alle nahezu gleich aussehen.

Die “normalen” Leute haben da kein Platz.

Für wen sind diese Helden eigentlich wahre Helden?

R14

Ich finde es total langweilig,
mir von privilegierten Superhelden zeigen zu lassen,
wie das Leben zu laufen hat.

Diese oberflächlichen Rollenbilder und -Klischees
haben nichts mit meiner Realität zu tun.

Ich mag “Anti-Helden”.
Ich mag die berühmten “Helden des Alltags”.

Diese machen etwas,
das zunächst nach nichts Besonderem aussieht.
Trotzdem sind es große Taten.
Diese Heldinnen und Helden müssen lange und hart arbeiten.
Trotzdem sind sie für ihre Familien da.
Oder sie helfen fremden Menschen.
In der Pflege. In der Trauerbegleitung. In der Wohnungslosenhilfe.
In der Notunterkunft. Bei Behördengängen.

Ihre Superkräfte?
Sie schenken ihre Zeit. Etwas von ihrem Geld.
Sie haben Geduld. Ein offenes Ohr und einen wachen Blick.
Sie packen an. Murren nicht.
Sie “wuppen” jeden Tag, obwohl es ihnen total schwer fällt.

C15

In diesen Tagen des Krieges in der Ukraine
kann man nicht über Heldinnen und Helden sprechen,
ohne auch an Wolodymyr Selenskyj zu denken.

Sein Umgang mit dem Krieg und sein politisches Handeln
haben ihm viel internationales Ansehen verschafft.

Er steht für viele Ukrainerinnen und Ukrainer für die Hoffnung,
dass sich der Konflikt noch politisch beenden lässt.
Seine Hartnäckigkeit, mit der er Politiker*innen aus aller Welt
um Hilfe bittet, beeindruckt.

Begonnen hat der gelernte Jurist seine Laufbahn
als Schauspieler und Komiker.
Ironischerweise ist eine seiner bekanntesten Rollen
die eines Präsidentschaftskandidaten
in der Serie “Diener des Volkes” aus dem Jahr 2015.

Darin tritt Selensky als Geschichtslehrer Wassilyi Petrowitsch Holoborodko gegen den Oligarchen Ihor Kolomojskyi an.

Selenskys Figur ist von der herrschenden Korruption angewidert, macht Wahlkampf in den sozialen Medien, sammelt über Crowdfunding Geld und wird am Ende auch noch gewählt.

In ähnlicher Weise verlief dann wenige Jahre später
der echte Wahlkampf Selenskys,
den er mit Bravour gewann.
Schließlich weiß er um die Abgründe seiner Arbeit.

R16

Der von Russland ausgehende Krieg
stand allerdings nicht im Skript der Serie,
was Selensky nicht davon abhält,
auch in dieser Herausforderung
seine Erfahrung mit den Sozialen Medien
zugunsten seines Volkes einzusetzen.

Selensky ist kein Held aus dem Marvel-Universum,
sonst wäre der Krieg bereits vorbei und glorreich gewonnen.
Auch Selensky macht Fehler
im Umgang mit den westlichen Partnern.
Nicht jede seiner militärischen Entscheidungen wird gut sein.
Aber er macht deutlich,
wofür die Antihelden der heutigen Zeit stehen:

Er macht sich im wörtlichen Sinne verletzlich.
Seine Familie und er verzichten darauf, aus Kiev zu fliehen.
Im Falle einer Eroberung der Stadt
wird er schlimme Konsequenzen befürchten müssen.

Der Krieg in der Ukraine ist kein Hollywood-Blockbuster,
der nach 90 Minuten fröhlich mit dem Abspann endet.
Viele Leidenswege haben mit ihm begonnen.
Selbst wenn es hoffentlich bald zu Frieden kommen sollte,
wartet auf die Geflüchteten, die Gebliebenen,
die Vertriebenen und die Verletzen
ein kräftezehrender Wiederaufbau ihres Landes.

C17

Blicken wir noch einmal auf Jesus.

In dem Konflikt um die Rangstreitigkeiten unter den Jüngern
wählt er eine klugen Weg,
um die Heimlichkeit von Jakobus und Johannes zu durchbrechen
und alle zwölf Jünger wieder an den Tisch zu holen.

Er spricht zu ihnen:

Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder,
und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
Aber so ist es unter euch nicht;
sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene
und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

R18

Was zeichnet für Jesus einen echten Helden aus?

Es ist die Bereitschaft, ein echter “Diener des Volkes” zu sein.
Sklave, Knecht oder Diener zu Jesu Zeiten zu sein, bedeutete:
Auf alle grundlegenden Rechte zu verzichten.
Keine Würde. Kein eigenständiges Leben.
Keine Selbstverwirklichung.

Und das für immer und ewig –
es sei denn, man wurde vom Herren ausgelöst.

Diener sein ist für Jesus eine ewige Entscheidung.
Man kann nicht “mal eben so”
wie Jesus eine Heldin, ein Held sein.

Das wichtigste Kriterium ist:
Den Lebensgewinn der anderen
über sein eigenes Leben zu stellen.

Und das geht nicht “gelackt” oder perfekt.
Brüche in der Biographie gehören dazu.
Die Abgründe sind kein Nebeneffekt,
sondern die notwendige Folge dieses Leidenswegs.
Selbst der Tod ist mit eingeplant.

C19

Die Band “Wir sind Helden”
singt 2003 in ihrem Song “Heldenzeit”:

Willkommen in der Zeit.
Helden sind bereit!
Seid ihr soweit?
Hat irgendwer gesagt,
es wäre Zeit für Helden?
Wir kommen, um die anderen Helden abzumelden.

Bist du soweit?
Bist du bereit, ein Held zu sein?

Ich glaube, ich bin es nicht.

Immer leiden.
Alles aufgeben.
Die Liebsten zurücklassen.
Für den anderen da sein – ohne Kompromiss.
Gehorsam sein auf Gott bis in den Tod.

Das kann ich nicht.
Das will ich nicht.
Das brauche ich nicht.

Denn den “Helden” gibt es schon.
Auch wenn er sich selbst nie so nennen würde.
Es ist Jesus Christus.

Jesus ist schon lange gekommen,
um die anderen Helden abzumelden.

Damit ich mich nicht zum Helden aufschwingen muss.

Gott sei Dank.

Amen.