Liebe Hörerin, lieber Hörer!

Alles gewonnen und damit alles verloren.

Wenn ich mit den falschen Mitteln streite, über das Ziel hinausschieße,
alles auf eine Karte setze, dann kann mir das rasch passieren.

Gewinnen und Verlieren liegen eben eng beieinander.

Im ersten Testament treffen wir heute auf Elia, einen Propheten im Auftrag Gottes.

Er hat im Namen seines Gottes unerbitterlich gegen falsche Propheten gekämpft.
Er wollte Gottes Recht und die gute Ordnung wiederherstellen.
Dafür hat er ein Blutbad angerichtet.

Diese Tat konnte nicht folgenlos bleiben. Das spürt Elia jetzt.

Ihm wird bewusst, dass sein Erfolg über die feindlichen Propheten
nun seinen eigenen Untergang zu besiegeln scheint.

Elia bleibt nur noch ein Ausweg: Die Flucht in die Wüste.

Er flieht in die Stille.

Wie zärtlich ihm Gott dort begegnet,
erzählt das 1. Buch der Könige im 19. Kapitel:

1 Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.

2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!

3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!

6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?

10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.

12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

1. Könige 19,1–13

Liebe Hörerin, liebe Hörer!

Elia muss für etwas einstehen, das er sich selbst eingebrockt hat.
Er war zornig. Er hat seine ganze Gewalt an den Baalspriestern, den Widersachern Gottes, ausgelassen. Da hat er nicht Halt gemacht, er kämpfte gegen seine eigenen Leute. Gegen Menschen, von denen er sich nicht unterstützt gefühlt hat.

Er hat um sich geschlagen, das Schwert geschwungen, nicht vorher aufgehört,
bis alles, was sich ihm in den Weg gestellt hat, aus dem Weg geräumt war.

Die ganze Zeit in der Überzeugung, dass er damit Gottes Willen erfüllt.

Elia hat gewonnen. Aber es ist ein Pyrrhussieg. Er hat dabei alles verloren. Er ist allein übrig geblieben.

Und nun geht es ihm an den Kragen – er muss Verantwortung für seine Taten übernehmen.

Die Königin droht Elia Vergeltung an, es wartet die Todesstrafe auf ihn.

Ihm bleibt nur die Flucht in die Wüste. Er hat nun Zeit darüber nachzudenken, was er da eigentlich gemacht hat.

In seiner Begeisterung für Gott hat Elia aufrichtig gehandelt. Doch alle Mittel, die er eingesetzt hat, waren falsch.

Elia wollte zu viel. Er hat seinen Auftrag übererfüllt und großen Schaden angerichtet.

Und das schlimmste: Er hat den Blick auf Gott verloren. Gott scheint sich vor ihm zu verstecken. Wie soll es nur weitergehen?

Die beiden letzten Jahre Pandemie haben unserer Gesellschaft extrem viel abverlangt.

Besonders in den helfenden Berufen ist die Last zu spüren.
Die Ärztin Carola Holzner hat Anfang vergangenen Jahres deshalb den Begriff „mütend“ geprägt.

Ein Wortzusammenschluss von müde und wütend.

Mehr als ein Jahr Corona und „politisches Rumgeeiere“ wurden ihr einfach zu viel.

Ihr platzte auf Facebook der Kragen. In einem Beitrag brachte sie zum Ausdruck, wie sich viele Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, Eltern und viele mehr sich angesichts der Belastungen fühlten und auch heute noch fühlen.

Das Wort mütend war geboren.

Mütend ist ein interessantes Wort, denn in ihm kommt sowohl Stärke als auch Schwäche zum Ausdruck, es ist laut und zugleich leise.

Müde wütend sein – was überwiegt? Ist es kalte Glut, weil man zu mehr nicht imstande ist?
Oder ist es ein stiller Protest, der nur darauf wartet, laut zu werden?

Die Corona-Pandemie und die vielen Streitereien um die richtigen Maßnahmen haben deutliche Spuren, teilweise auch tiefe Wunden, in den Kirchengemeinden hinterlassen.

Wie viel Ärger gab es um abgesagte Gottesdienste und Veranstaltungen?
Wie viel Zeit wurde in komplizierte Hygienekonzepte gesteckt,
die nach kurzer Zeit wieder über den Haufen geworfen wurde?

Wie viele Ehrenamtliche mussten frustriert feststellen:
Gegen ein so wirres Dickicht von Regeln und konkreter gesundheitlicher Gefahr
können die längsten Kirchenratssitzungen nichts ausrichten?

Viele waren und sind deswegen auch in Kirche mütend.
Wie soll es nur weitergehen?

Wo ist Gott in diesen Momenten, in denen Menschen um das vermeintlich Richtige wetteifern, koste es was es wolle?

Ist Gott in den Streitereien um das Für und Wider von Präsenzgottesdiensten?

Ist Gott in den tiefen Gräben, die von manchen gezogen werden, wenn es um digitale und präsentische Gottesdienstangebote geht?

Ist Gott im Knall von Kanonen, Luftabwehrgeschützen, Raketen, Panzern und dem Kampfgeschrei von Soldatinnen und Soldaten?

Ist Gott im hektischen Gewimmel im Supermarkt? Zwischen den Menschen, die um die letzte Packung Mehl, Nudeln, Klopapier oder die letzte Flasche Sonnenblumenöl balgen?

Ist Gott in meinem und in deinem Herzen, wenn wir es mit all diesem Lärm und Krach fluten?

Vermutlich ist er es.

Gott ist in all diesen Momenten da.

Denn er lässt seine Geschöpfe nicht im Stich.

Wir werden Gott nie zu laut.

Aber können wir Gott wirklich hören, wenn wir von blindem Eifer angetrieben werden?

Im Alltag scheint es leider “in” zu sein, zu den Lauten und Starken gehören zu wollen.

In meiner Arbeit als Digitalpfarrer kann ich das in Social Media beobachten.

Dort bin ich vor kurzem auf einen kontroversen „Ratschlag“ – so wurde er genannt – gestoßen.

“Instagram ist keine Therapieplattform für Creator” prangte es unübersehbar auf einem Bild eines christlichen Podcastkanals.

Übersetzt: Wer auf der Bildplattform Instagram seine Social Media Arbeit machen will, sollte schön aufpassen, in welcher innerer Verfassung er oder sie das tut.

Möglicherweise hat der mit diesem Zitat beworbene Podcast noch viele weitere interessante und wichtige Tipps für angehende Social Media Menschen.

Mir ist allerdings ein schaler Nachgeschmack im Mund geblieben, als ich mich mit der Werbung auseinander gesetzt habe.

Nur wer immer stark und gefestigt ist, sollte sich im Internet präsentieren.
Aber wer ist das schon?

Digitale Verkündigung sowie der Kampf gegen Sexismus, Diskriminierung und Fremdenhass zieht zwangsläufig auch Menschen an, die laut, stark und wenig mitfühlend ihre Meinung posten.

Wenn mich das dann belastet – bin ich dann „selbst schuld“? 

Sind sie zu stark – bist du zu schwach? Nein!

“Nur die Harten kommen in den Garten” sollte nicht der Maßstab für unser Handeln werden. Manchmal muss ich laut werden: Für alle, die es selbst nicht werden können.

Auf das richtige Maß kommt es an.

Die Geschichte von Elia zeigt:

Gott sieht uns, wenn wir Schwäche zeigen,
wenn wir in uns gehen, wenn wir spüren, wie es und wirklich geht.

Wenn wir merken, welche Fehler wir gemacht haben.
Wo es bei uns knirscht und knackt.

Gott sendet seine Engel zu uns,
ausgestattet mit Brot und Wasser, einem guten Wort
und einem kräftigen Ansporn.

Er befreit uns aus unserer Niedergeschlagenheit
und hilft uns, neu anzufangen.

Gott unterstützt uns in unserer Selbstreflexion.
Elia hat klare Worte für die Gewalt gefunden, die er ausgeübt hat.
Elia spürt durch Gottes Zuwendung,
dass er eben nicht „allein übrig geblieben“ ist,
dass er auf Gott vertrauen kann.

Schwäche zeigen – statt den starken Macker markieren.
Das ist eine Botschaft, die wir aus dieser Geschichte mitnehmen können.

Schwäche zeigen und Gott wirklich sehen können.

Elia tritt vor die Höhle, als er Gott hört.

Es sind nicht die Naturgewalten Wind, Erdbeben und Feuer,
die uns ja auch in den vergangenen Wochen heimgesucht haben.

Nein, Gott zeigt sich Elia im stillen, sanften, Sausen.

Gott ist da, wo es still ist.

Gott ist im Ruhigen. Im Liebenden. Im Fürsorgenden.

Wir finden Gott nicht, wenn wir „mütend“ sind.
Er zeigt sich, wenn wir die Stille wiedergefunden haben.

Es braucht mehr als ein kleines Nickerchen dafür.
Es braucht ein Innehalten.
Verbales und reales Abrüsten.
Liebe statt Eifer.
Schwäche statt Stärke.

Wenn uns das gelingt, können wir wie Elia aus der Höhle treten.

Und mit neuer Kraft zurück ins Leben gehen.

Amen.