Liebe Hörerinnen und Hörer!

Normalerweise könnten oder würden wir heute, am Sonntag Invocavit,
über den Beginn der Fastenzeit predigen.

Über die neuen Regeln und Verhaltensweisen, auf die wir uns in den kommenden Wochen bis Ostern einstellen.

Über die Veränderungen, die sich durch das Fasten, Seinlassen oder Aufpassen ergeben.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat alles verändert. Anders, als wir es uns je hätten vorstellen können. Alles ist durcheinander gewirbelt worden. 

Die Sehnsucht nach Veränderung bleibt, sie wird jedoch deutlich fokussiert.

Der Krieg in der Ukraine schmerzt. Nichts ist mehr selbstverständlich. Frieden ist so zerbrechlich wie nie zuvor.

Darum ändern wir unsere Pläne. Lasst uns gemeinsam schauen, wie wir kleine Schritte Richtung Frieden gehen können.

Kleine Schritte Richtung Frieden – aber wie soll das gehen? Wie kann jede und jeder von uns – so weit von der Ukraine entfernt – etwas zum Frieden beitragen? 

Was braucht es eigentlich für den Frieden?

Politisch ist das nicht einfach zu beantworten. Wir sehen es in den Nachrichten: Die Politikerinnen und Politiker aus Europa schöpfen alle Maßnahmen aus, um auf den Konflikt zu reagieren, der in letzter Konsequenz auch Europa betreffen wird. Europa reagiert mit Verurteilungen, steigert mit Sanktionen gegen Russland. EU-Staaten, darunter mittlerweile auch Deutschland, stellen der Ukraine militärisches Gerät zur Verfügung. Die Bundesregierung beschließt eine 180 Grad Umkehr von dreißigjährigen Abrüstungsbemühungen.

Die Lage scheint hoffnungslos. Alle Zeichen stehen auf Krieg und Konflikt – und wie wir da alle möglichst heile raus kommen. Aufrüstung statt Friedensbemühung. Es fällt mir selbst sehr schwer, friedliche politische Alternativen angesichts des unendlichen Leids der Zivilbevölkerung zu benennen.

Doch halt! Wir sind nicht vollkommen hilflos. Jede und jeder von uns kann einen eigenen kleinen Anteil daran haben, wie wir die Ausbreitung von Hass und Gewalt eindämmen.

Es geht letztlich um unsere innere Einstellung und Haltung:

Wie gehe ich mit meinen eigenen Worten um?
Welche Nachrichten teile ich in den sozialen Medien?
Wie beurteile ich gestreute Informationen von zweifelhaftem Wert?
Wie wehre ich “Fake News” oder sogenannte “Hoax” ab?
Wie begegne ich Menschen?
Wie bremse ich meine persönlichen Vorurteile?

Wir sind Gottes Kinder.

Und als Gotteskinder haben wir von Jesus einen klaren Auftrag bekommen:
“Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.” (Mt 5,9)

Kleine Schritte gehen. Frieden stiften statt neue Konflikte schüren.

Es sind die kleinen Schritte, die uns einen Ausblick geben, wie ein Leben ohne Krieg aussehen kann: Demonstrationen in ganz Europa, in denen hunderttausende Menschen zusammenkommen, um für ihren Wunsch nach Frieden protestieren. Eine große Solidarität und Tatkräftigkeit für die Menschen, die aus der Ukraine flüchten. Friedensgebete und Friedensgottesdienste in Kirchen, Synagogen und Moscheen.

Die Welt stimmt in der UNO-Vollversammlung mit überwältigender Mehrheit gegen Putins Krieg. Auch wenn das Votum politisch wenig ausrichten wird, so zeigt es dennoch:

Noch nie ist die Welt so zusammengerückt wie jetzt. Wir sind weit vom Frieden entfernt, aber er ist möglich. Nur wenn wir den Frieden aufgeben, hat er keine Chance. Es braucht Veränderung. Und wenn es erstmal kleine Schritte sind.

Paulus spricht im Römerbrief im 12. Kapitel:

Passt euch nicht dieser Zeit an.

Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln.

Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht:

Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist.

Römerbrief 12,2

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Wenn ich – wie jetzt – um die Worte ringe, bin ich dankbar für die Bibel.

Der Apostel Paulus findet klare Worte, wie Veränderung geschehen kann.

“Passt euch nicht dieser Zeit an.”

Seit 2020 fühlt sich das Leben an wie ein schlechter, außer Kontrolle geratener, Science-Fiction-Film. Krieg in Europa. Kalter Krieg 2.0. Als Anfang Dreißigjähriger kenne ich das Thema nur aus dem Geschichtsunterricht. Aus Dokumentationen im Fernsehen, deren Schlusstenor ist: Gott sei Dank haben wir das Problem heute nicht mehr.

Ja, danke auch.

Die aktuelle Situation fühlt sich wie aus der Zeit gefallen an. Bei allen denkbaren Bedrohungsszenarien der nächsten Jahre hätte ich mir nie ausmalen können, dass jemals so ein alter Konflikt aus der Mottenkiste geholt wird. Jetzt ist er Realität.

Realität ist aber auch: Wir wollen diesen Krieg nicht. Wenn wir ohnehin aus der Zeit gefallen sind, dann können wir auch in eine neue Zeit aufbrechen: Eine Zeit kompromisslosen Friedens.

“Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise
und lasst euch dadurch verwandeln.”

Frieden ist möglich. Nur, wenn wir unablässig in Worten, Taten und Gebet
uns um den Frieden bemühen, können wir ihm näher kommen.

Da ist auf der einen Seite:

Die verletzte Männlichkeit eines Machthabers, die genau kalkulierten Provokationen wie Angriffe auf Atomkraftwerke und Zivilbevölkerung und eine vermeintliche Entschlossenheit zur feindlichen Übernahme der Ukraine.

Auf der anderen Seite sind wir:

Wir dürfen uns nicht davon abhalten lassen, mit klarem und kühlen Verstand und heißer und unablässiger Liebe neue Wege zu gehen. Friede unter den Menschen ist möglich. Friede ändert die Welt. Friede schafft und ermöglicht Leben.

Wir haben es in der Hand, wessen Botinnen und Boten wir sind. Unterstützen wir Hassrede, Fake News und Gewalt? Oder setzen wir kleine oder große Zeichen für Annäherung, Deeskalation und Versöhnung?

“Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht:
Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist.”

Will Gott den Krieg? Will Gott eine Welt, in der jede und jeder aufeinander einschlägt, sich hasst, sich gegenseitig bedroht und allen die Lebensgrundlage raubt?

Im Alten Testament gibt es viele Beispiele dafür, wie Gott sich auf kriegerische Handlungen einlässt. Krieg verfolgt in der Bibel immer ein Ziel:
Das Wiederherstellen von Ordnung und die Abwehr von zerstörerischen Chaoskräften. Doch über allem steht die Verheißung Gottes an den Propheten Micha: Schwerter zu Pflugscharen – Spieße zu Sicheln.

Waffen werden verändert. Sie werden zu Werkzeugen des Lebens und damit des Friedens. Zum Werkzeug des Friedens werden. Ein kleiner Schritt, mit dem eine neue Zeit beginnt. Eine Zeit des Miteinanders und des Füreinanders. Erste Zeichen sehen wir bereits.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, nun bist du dran:

Das Projekt “Frieden” ist riesig. Wir können es nur in kleinen Schritten angehen.

Wenn du möchtest, nimm dir doch mal nach dem Hören dieses Gottesdienstes einen Zettel. Schreib deinen Friedenswunsch darauf. Und schreib darunter, was das kleinste ist, was du jetzt dafür tun kannst. Hänge den Zettel an deinen Kühlschrank. Oder an die Haustür, sodass du dich jedes Mal daran erinnerst, wenn du das Haus verlässt.

Es sind kleine Schritte. Aber keinen Schritt zu gehen bedeutet, niemals am Ziel anzukommen.

In der Wortlosigkeit und Sprachlosigkeit habe ich gespürt, wie wichtig es ist, dass ich darauf aufpasse, was ich denke und fühle. Vielleicht ist ein erster Schritt Richtung Frieden, achtsam und besonnen auf den Nächsten zu zugehen.

So schnell ist ein böses Wort gesagt, das das gegenüber verletzt und den Konflikt anheizt. Ich möchte in meiner Sehnsucht nach Frieden
auf die zarten Anzeichen achtgeben, die sich zwischen den vielen Nachrichten, die auf mich einprasseln, verstecken.

Die Solidarität. Der Zusammenhalt. Grenzenübergreifendes Mitgefühl. Ich möchte den Frieden nicht aufgeben. Denn „aufgegeben wird nur ein Brief“!

Amen.