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„Sei wie der Hauptmann“ – Predigt über Matthäus 8,5-13

Liebe Hörerin! Lieber Hörer! Liebes Gotteskind!

Kennst du das Gefühl, an deine Grenzen zu kommen?
Diese Qual, wie gelähmt zu sein? Nichts machen zu können?
In Zeitlupe scheinen die Sachen vorwärts zu gehen, während um dich herum alles in Zeitraffer vorbeirauscht.

PodPredigt
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#001 23.01.2021 Sei wie der Hauptmann!
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Es passiert mir immer wieder, dass ich mich motiviert auf den Weg mache und nach einiger Zeit merke: Ups, das ist doch etwas viel. Ich habe mir zuviel vorgenommen.

Nach anfänglicher Panik setzt dann eine Art Erstarrung ein.
Irgendwie wird’s dann doch fertig.  Aber glücklich bin ich damit nicht.

Ich finde es nicht leicht, meine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Wenn ich jetzt „Hilfe” rufe – nimmt man mich dann noch ernst? Was denkt denn dann mein Umfeld von mir?

Gekränkter Ehrgeiz und innerer Erwartungsdruck fressen mich auf. Daraus entsteht eine Blockade nach der anderen. Aus diesem Strudel wieder herauskommen. Das wünsche ich mir dann so sehr.

Zum Glück sind wir Pastorinnen und Pastoren selten allein unterwegs.

In Delmenhorst, Varrel und Stuhr gibt es so einige von uns, mit unseren jeweiligen Stärken und auch Schwächen. Wir organisieren uns in Dienstbesprechungen, PfarrTeams und trinken die eine oder andere heilsame Tasse Kaffee miteinander.

Zugegeben, es kostet schon etwas Überwindung, den Kollegen, die Kollegin anzusprechen. Aber immer wieder mache ich die Erfahrung, dass das richtige Wort oder ein guter Ratschlag den Knoten löst.

Wie ist das in deinem Umfeld? Gehst du auf Familie und Freunde, Arbeitskolleginnen und Vorgesetzte zu, wenn du siehst, dass sie überfordert oder gelähmt sind? Wie sprichst du die Angelegenheit an? Engagierst du dich für ihn oder sie?

Ein ganz besonderes Engagement begegnet uns in unserem heutigen Predigttext. Ein Vorgesetzter setzt sich für seinen Arbeiter ein. Dessen Krankheit soll geheilt werden. Nur Jesus kann helfen.

Wir hören im Matthäusevangelium, was dann passiert:

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.

Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.

Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst,
sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er;
und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.

Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.

Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäusevangelium 8,5-13

Was für ein Glück dieser Knecht hat! Da ist ein Mensch, der sich für ihn interessiert.

Zu Zeiten Jesu waren Knechte und Sklaven niedrig angesehen. Wenn sie erkrankten, dann mussten sie selbst zusehen, dass sie schnell gesund wurden, um wieder ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Arbeit und Arbeitssuchende gab es genug, warum sollten sich die Herren darum scheren, wie es ihren Arbeitern ging?

Doch der Hauptmann, der im Mittelpunkt der Geschichte steht, ist anders. Er sieht das Leid und die Ausweglosigkeit seines Knechts. Nicht arbeiten zu können, gefährdet dessen berufliche und private Zukunft.

Ich weiß nicht, was dieser Knecht vorher mit dem Hauptmann erlebt hat. Wie lange hat der Mann bei diesem römischen Soldaten gearbeitet? Verbindet die beiden eine Freundschaft? So etwas kam sicher vor, war aber selten die Regel und wurde gesellschaftlich nicht besonders akzeptiert.

Hat er den Hauptmann zu Jesus geschickt? Das kann ich mir nicht vorstellen – denn zwischen den beiden scheint es eine klare Hierarchie zu geben, das zeigt die Antwort des Hauptmanns.

Wie auch immer, da ist jemand, der dem Knecht zuhört, sein Leid sieht, mit ihm mitfühlt und Hilfe sucht.

Das Auftreten des Hauptmanns ist besonders. So besonders, dass selbst Jesus überrascht ist. Da kommt ein Mensch, der nichts anderes als Befehlsketten und Disziplin zu kennen scheint. „Geh hin – Komm her – Tu das.” So läuft das beim Militär.

Doch das Mitgefühl des Soldaten zerbricht den erlernten Drill. Der Hauptmann könnte Jesus einen Befehl erteilen: „Geh hin – Komm her – Heile ihn.” Aber er verzichtet darauf. Er schildert die Situation, vorsichtig und einfühlsam.

Das Angebot von Jesus, gleich mitzukommen, wehrt er ab. Er weiß darum, dass er als sogenannter Heide  bei dem Juden Jesus wenig zu melden hat. Der Hauptmann will es Jesus nicht zumuten,
zu ihm nach Hause zu kommen.

Doch er weiß – dank seiner militärischen Ausbildung – welche Macht Worte haben. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.” Ein Heilungsbefehl von ganz oben. Diesen möchte der Hauptmann seinem Knecht überbringen. Eine große Bitte, vorsichtig vorgetragen, mit klaren Worten.

Der Hauptmann hat Erfolg: Sein Knecht wird geheilt.

Mich berührt das Vertrauen, das der Hauptmann Jesus entgegenbringt. Aus einem tiefen Glauben heraus sucht der Hauptmann Jesus auf. Er weiß, dass er Jesus nicht mit Befehlen kommen kann. Er macht ihm keine Versprechungen, besticht ihn nicht mit Geld.

Sein Glaube führt ihn zu Jesus, diesen Prediger einer Religion, die er kaum kennt, mit der er nur beruflich in Berührung kommt.

Doch gerade diese Grenzüberschreitungen machen für mich den Kern dieser Geschichte aus. Der Soldat reißt die Grenze zwischen Arbeiter und Vorgesetztem auf. Er verfolgt keine krankheitsbedingte Kündigung, was damals den sicheren Tod auf der Straße bedeutet hätte, sondern will aktiv zur Heilung seines Knechts beitragen. Betriebseingliederungsmanagement mal anders.

Dann verzichtet er auf jegliche Privilegien, die er als Hauptmann gegenüber Jesus haben könnte. Der Antrieb, seinen Freund und Mitmenschen zu retten lässt ihn auf Hierarchie und Macht verzichten.

So wird Nächstenliebe ganz praktisch und heilsam.

Für eine Wundergeschichte tut Jesus hier ziemlich wenig. Bei der Heilung eines Blindgeborenen braucht es noch etwas Spucke und Erde vom Fußboden, die Jesus auf die Augen des Leidenden schmiert. In dieser Geschichte hier könnte man den Eindruck bekommen, als ob Jesus auch aus dem „HomeOffice” arbeiten kann. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.”

Nach einem kurzen Gespräch spricht Jesus dieses Wort und ein Mensch, der gar nicht anwesend ist, wird von seinen Blockaden und Qualen befreit.

Das eigentliche Wunder liegt in den heilenden Worten. Der Hauptmann überwindet seine gesellschaftliche Distanz, kommt Jesus ganz nah, damit dieser einen Leidenden aus der Entfernung heilen kann.

Sicherlich wäre es für den Knecht eine immense Herausforderung geworden, sich auf den Weg zu Jesus zu machen. Der Hauptmann überbrückt das. Er verbindet mit seinem Engagement den Hilfesuchenden mit Jesus. Er macht sich zum Werkzeug für das Gute.

Aus Panik wird Ruhe.
Aus Erstarrung wird Beweglichkeit.
Aus Zeitlupe und Zeitraffer wird das Hier und Jetzt.
Der Strudel aus Leid und Blockaden hat ein Ende gefunden.

Und jetzt kommst du ins Spiel…

Wenn du dich so fühlst wie der Knecht, wenn du spürst, alles wächst dir über den Kopf, du kannst dich kaum bewegen, du brauchst Hilfe. Dann sei dir sicher, dass Jesus dich sieht.

Sammle deinen Mut, um auf das Wort von Jesus zu hören, das dich wieder gesund macht, das dir neue Perspektiven öffnet, dich zurück in die Gegenwart holt.

Jesus kann das, weil er weiß, warum du gelähmt bist. Weil er deine Schmerzen spürt. Er trägt sie für dich mit. Du musst nicht warten, bis Jesus in deinem Zimmer steht. Jesus wirkt seine Wunder auch durch andere Menschen,  die Nähe zu dir suchen und dir beim Neuanfang helfen wollen.  Halte die Augen offen, trau dich, diese liebevollen Menschen anzusprechen.

Jesus spricht nur ein Wort, dann ist deine Seele gesund.

Oder sei wie der Hauptmann!

Nimm in deinem Umfeld wahr, wer deine Hilfe, deine Nähe, dein freundliches Wort braucht. Ob du tatkräftig Hilfe organisierst oder unablässig für jemanden betest. Überwinde sichtbare und unsichtbare Grenzen, schaffe Hierarchien ab, hab einfach ein offenes Herz für die Menschen, die du triffst und für die du Verantwortung hast.

Du selbst musst keine Wunder vollbringen, das tut Jesus für dich.

Jesus achtet nicht auf deinen Status oder deine Herkunft. Ob du in der Kirche bist oder nicht.

Das Wunder geschieht. Allein aus Glaube.

Amen.

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