Gehalten am 04.02.2018 in der Hl.-Geist-Kirche zu Delmenhorst-Deichhorst. Es gilt das gesprochene Wort.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Stark sein.

„Sei stark. Setz dich durch. Reiß dich zusammen. Du schaffst das. Gib nicht auf.“

Wie oft hört man diese Sprüche? Ich finde, viel zu oft. Natürlich meinen die, die das sagen, es nicht böse.

Aber wann bin ich wirklich stark? Bin ich stark, wenn ich mich gut vor Ihnen darstelle, meine Zähne zusammenbeiße, meine eigenen Grenzen ignoriere und Ihnen Souveränität und Professionalität vorspiele?

Stärke beweisen müssen ist anstrengend, und wenn man sie mal nicht hart, umso mehr. Das haben Sie sicher schon erlebt. Lange geht so eine Show nicht gut. Angeberei hilft nicht lange weiter. Irgendwann fliegt das auf.

So ein Kräftemessen hat der Apostel Paulus erfahren müssen. In der Gemeinde von Korinth
tauchen Menschen auf, die forsch auftreten. Stärke zeigen. Von besonderen Erfahrungen berichten. Damit angeben, wie toll sie vor Gott dastehen.

Diese Menschen behaupten, sie seien Apostel, und viel besser und viel stärker als Paulus.

Paulus kann dazu nicht schweigen. Für ihn sind diese vermeintlichen Apostel Betrüger. Seine Position in Korinth ist in Gefahr. Die Gemeinde rennt diesen Angebern hinterher.

Nun ist Paulus herausgefordert. Er muss etwas bieten. Es bleibt ihm nichts übrig: Auch er muss angeben. Das tut er auf seine ganz eigene Weise.

Paulus schreibt im 12. Kapitel des 2. Korintherbriefs:

Bibeltext der Basisbibel: 2Kor 2,1-10

Stark sein.

Also, wenn ich das so höre, denke ich: Was hat Paulus eigentlich? Er hat doch einiges erlebt. Er ist entrückt worden, er hat das Paradies schauen dürfen. Er hat Insiderwissen, das die anderen Apostel, wie sie sich nennen, sicher nicht haben. Damit könnte Paulus sich super in der Gemeinde profilieren.

Augenzeuge im Himmel. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Die Versuchung ist groß, so eine Erfahrung für den eigenen Vorteil auszuschlachten. Gerade wenn Paulus so eine Konkurrenz in Korinth hat. Und wenn Paulus dann auch noch bunt und dramatisch von seiner Vision berichten würde, dann wäre ihm der Ruhm sicher.

Doch Paulus wäre nicht Paulus, wenn er dieser Versuchung einfach nachgeben würde.

Das fängt schon dabei an, wie er von seinem Erlebnis erzählt. In dritter Person redet er: „Ich weiß von einem Menschen, der zu Christus gehört.“

Ja, wie denn jetzt? Wer denn? Das ist doch verwirrend. Dazu kommen lange Gedanken, ob das Ganze nun mit oder ohne Körper passiert. Und über das, was was Paulus im Himmel hört, darf er nicht einmal reden.

Werbespezialisten würden sagen: Chance vertan. Eine starke Kampagne geht anders.

Paulus geht es nicht um seinen eigenen Ruhm. Paulus hört auf Gottes Wort. Dieses Insiderwissen, wonach sich andere die Finger lecken würden, bleibt geheim. Paulus bekommt eine Schweigepflicht auferlegt.

Diese Offenbarungen sind außergewöhnlich und wenn Paulus diese offenlegen würde, würde er die Wahrheit sagen.

Doch Gott stellt sicher, dass sich Paulus mit diesem Wissen nicht zu toll fühlt.

Der zum Sprichwort gewordene Stachel im Fleisch. Paulus leidet seit dieser Erfahrung an Schmerzen.
Sie machen ihn schwach. Heute würde man Paulus als chronischen Schmerzpatienten behandeln, für ihn sind die Schmerzen eine Warnung, dass er das Geheimnis Gottes für sich behalten muss.

Stark sein.

Heute ist für mich ein besonderer Tag. Ich bin heute offiziell in unserer Gemeinde begrüßt worden. Das macht mich natürlich glücklich. Ich fühle den Rückenwind und die Stärkung, die Sie mir geben.

Dabei ist es nicht mein erstes Mal, dass ich vor Ihnen stehe – einige von Ihnen waren Anfang Januar dabei. Ganz neu bin ich also nicht mehr, ich blicke auf vier Wochen Gemeindealltag – kann man das so nennen? – zurück. Das waren bisher herausfordernde und spannende Tage.

Als junger Pastor, der gerade sein Vikariat hinter sich hat, muss ich meine Position in der Kirchengemeinde reflektieren. Was kann ich gut? Wo sind meine Stärken? Was kann ich nicht so gut, was sind meine Schwächen?

Ein starker Auftritt wird erwartet. Schließlich bin ich doch der Pastor. Ich muss Entscheidungen treffen. Da sind Sachen bei, über die ich mir im Vikariat keine Gedanken machen musste.

Zum Beispiel:

Wie organisiert man eine Gemeindekirchenratswahl? Übrigens: Am 11. März sind Wahlen!

Was möchte ich in unserer Gemeinde in Bewegung setzen? Worin sind wir richtig stark?

Wie gehe ich mit Ihren Erwartungen und Wünschen um? Was kann ich versprechen, was muss ich ablehnen?

Wie vermeide ich Fettnäpfchen? Und wieviele Fehler sind am Anfang „okay“?

Je nachdem, wo ich mich befinde, muss ich mal mehr den Pastor der Gemeinde markieren, mal mehr als Privatperson Christoph Martsch-Grunau auftreten. Das macht den Reiz dieses Berufs aus.

Und doch:

Wie stark muss ich sein? Wieviel Durchsetzungskraft brauche ich? Wann ist es zuviel? Bin das dann noch wirklich ich?

Etwas, das ich total gerne mache, ist: Mit Menschen sprechen.
Was ich nicht so gerne tue: Smalltalk.

Ich freue mich, wenn ein Gespräch Tiefgang hat, wenn die Fassaden fallen, die man normalerweise im Alltag zeigt, um nicht schwach dazustehen.

Gerade nach Trauergesprächen merke ich, warum ich diesen Beruf ergriffen habe.

Meine Erfahrung ist: Ein ehrliches und aufrichtiges Gespräch geht nur dann, wenn ich mir meiner eigenen Schwächen bewusst bin.

Zwei oder mehr Menschen vertrauen sich einander an. Da tut sich der Himmel auf. Gottes Wort schenkt uns Kraft.

Als tröstendes Wort in der Zeit der Trauer.
Als mutmachendes Wort für ein neugeborenes Kind.
Als beflügelndes Wort in der Liebe zweier Menschen.
Als begleitendes Wort über die Konfirmation hinaus.

Ich freue mich auf solche starke Gespräche mit Ihnen.

Schwach sein.

Misshandlung, Not, Verfolgung und Verzweiflung.

So lesen sich viele Berichte von Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Die Krieg, Naturkatastrophen, Hunger und religiöse Unterdrückung erlebt haben. An dem Leid dieser Menschen
lässt sich nur erahnen, was Schwäche wirklich sein kann: Ein Ausgeliefertsein an andere Menschen
oder an Naturgewalten.

Paulus wurde verfolgt, geschlagen, eingesperrt, angefeindet. Er hat mehrfach Schiffbruch erlitten. Er hat eine dicke Packung Leid auf sich genommen. Und trotzdem schreibt er an die Korinther:

Deshalb freue ich mich über meine Schwäche –
über Misshandlung, Not,
Verfolgung und Verzweiflung.
Ich erleide das alles für diese Kraft von Christus.
Denn nur wenn ich schwach bin,
bin ich wirklich stark.

Paulus freut sich über seine Schwäche. Ist er ein Masochist? Nein.

Die Kraft von Christus, die Paulus bei seinem Himmelsbesuch gesehen hat, ist so viel größer als all die Schwächen, die Paulus auf der Erde erleben muss.

Schwach sein.

Gottes Kraft kommt in der Schwäche voll zur Geltung.

Sein Wort ist an die gerichtet, die Gottes Stärke suchen und ersehnen. An die, die sich ihrer Schwäche bewusst sind und diese nicht mit Stärke überspielen.

Gottes Wort macht nicht schwach, sondern es stärkt alle, die in „Hörweite“ kommen.

Wenn Gottes Wort als Zeichen seiner Kraft und Gnade bei uns voll zur Geltung kommen soll, so müssen wir einen Gang herunterschalten.

Ich darf nicht meine Stärke hochspielen. Sondern ich muss meine Schwäche akzeptieren. Ehrlich und ohne Furcht. So sehe ich, wer ich wirklich bin.

Jenseits aller Angeberei kann ich dann erkennen:

Nur wenn ich schwach bin, bin ich wirklich stark.

Dazu helfe mir Gott.

Amen.

Predigtlied: Ist Gott für mich so trete, EG 351,1+2+7+11+13

Interpretation von Detlef Korsen.

5. Februar 2018

Schreibe einen Kommentar